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Silbersack, dann Elbstrand

Svenja, 33 · Hamburg

Auf dem T-Shirt steht in glitzernden Buchstaben „Team Braut“, und darunter, kleiner, Svenjas Name, falsch geschrieben: Swenja. Ihre Schwester Maren hat es entworfen, sie findet das lustig. Maren trägt einen Schleier aus Tüll und eine Schärpe, auf der „Letzte Runde“ steht, und verkauft seit einer Stunde Kurze aus einem Bauchladen an Männer, die viel zu begeistert davon sind. Zwölf Frauen, ein Hans-Albers-Platz, ein Samstag im Juni. Es ist kurz nach elf, und Svenja hat schon dreimal an diesem Abend gedacht: Ich bin zu alt für Pfefferminzlikör.

Sie liebt ihre Schwester. Sie liebt sie wirklich. Aber sie hat seit dem Mittag Programm hinter sich – Brunch in Ottensen, Hafenrundfahrt, Karaoke in einer Kellerbar auf der Reeperbahn –, und jetzt stehen sie vor einer Kneipe mit roter Leuchtschrift, und die beste Freundin der Braut verteilt Zettel mit Aufgaben. Auf Svenjas Zettel steht: „Lass dir von einem Fremden seine Telefonnummer auf den Arm schreiben.“

Sie steckt den Zettel in die Jackentasche und holt stattdessen das Handy heraus.

Seit dem Nachmittag schreibt sie mit Kolja. Ein Profil ohne großes Getue: drei Fotos, eins davon auf einem Poller am Hafen, eine Mütze tief in der Stirn. Sechsunddreißig, Festmacher. Sie hatte erst nachschlagen müssen, was das genau ist: die Männer, die die Leinen der großen Schiffe an Land festmachen, bei jedem Wetter, zu jeder Uhrzeit. Er schreibt kurze Sätze ohne Ausrufezeichen. Sie mag das.

„Wo bist du?“, hat sie vor einer Stunde gefragt.

Jetzt kommt die Antwort: „Silbersack. Ecke hinten links. Ich hab Feierabend und kein Programm.“

Svenja schaut auf die Karte. Der Silbersack ist keine drei Minuten entfernt. Sie schaut auf ihre Schwester, die gerade einem Junggesellenabschied aus Bielefeld einen Kurzen für zwei Euro verkauft. Sie schaut auf den Zettel in ihrer Tasche.

Sie geht zu Maren und fasst sie am Tüll. „Ich hau kurz ab.“

„Kurz?“ Maren kneift die Augen zusammen, sie kennt ihre Schwester seit dreiunddreißig Jahren. „Wie kurz?“

„Weiß ich noch nicht.“

Maren grinst, dann umarmt sie sie, riecht nach Pfefferminz und Haarspray, und flüstert: „Schreib mir um drei, dass du lebst. Und zieh das T-Shirt aus, das ist peinlich.“

Svenja zieht es nicht aus, sie knöpft nur die Jeansjacke darüber zu. Die Silbersackstraße ist schmal und voller Leute, die rauchen und lachen und Bier aus Flaschen trinken. Die Kneipe selbst ist klein und laut, holzig und verraucht, eine der letzten Raucherkneipen auf dem Kiez, eine Jukebox spielt Freddy Quinn, und hinter dem Tresen steht eine Frau, die aussieht, als hätte sie schon alles gesehen und es sich gut gemerkt.

Kolja sitzt tatsächlich hinten links. Er ist breiter als auf den Fotos, die Unterarme voller Sommersprossen, die Hände rau und groß um ein Astra gelegt. Als er sie sieht, steht er auf. Er wirkt nicht nervös, eher neugierig, als hätte er gerade ein Schiff einlaufen sehen, das er nicht kannte.

„Du bist Svenja“, sagt er. „Oder Swenja?“

Die Jacke ist offenbar doch nicht weit genug zugeknöpft. Sie lacht, und damit ist das Eis gebrochen, bevor es überhaupt da war.

Sie trinken. Sie reden, schreiend, weil die Jukebox zu laut ist, über seine Nachtschichten, über die Containerriesen, die er in Waltershof festmacht, darüber, dass man bei Ostwind die Leinen anders legen muss. Sie erzählt von ihrem Job in einer Werbeagentur in Kiel, von Kunden, die ein Logo „irgendwie frischer, aber genau so“ wollen. Er hört zu, als wäre das interessant. Vielleicht ist es das auch, wenn man jemandem gegenübersitzt, der die ganze Nacht auf Kaimauern steht.

Irgendwann holt sie den Zettel aus der Tasche und legt ihn auf den Tisch.

Er liest ihn, zieht einen Kuli aus der Brusttasche, schiebt ihren Jackenärmel hoch und schreibt ihr seine Nummer auf den Unterarm. Langsam, Ziffer für Ziffer. Seine Finger sind warm. Sie spürt jede einzelne Zahl.

„Aufgabe erfüllt“, sagt er.

„Die war für die anderen“, sagt sie. „Für mich gibt es eine andere.“

„Und welche?“

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Sie schaut ihn an, lange genug, dass er es versteht. „Ich will heute Nacht nicht allein ins Hotel. Und ich will morgen nichts erklären müssen.“

Kolja nickt langsam. „Ich wohne in Ottensen“, sagt er. „Zwanzig Minuten mit dem Nachtbus. Oder eine Stunde zu Fuß an der Elbe lang.“

„Zu Fuß“, sagt Svenja.

Sie laufen die Treppen zu den Landungsbrücken hinunter, vorbei an den geschlossenen Buden, an denen tagsüber Fischbrötchen verkauft werden. Die Elbe ist schwarz und glänzt, auf der anderen Seite leuchten die Kräne von Steinwerder, gelb und rot, und irgendwo tutet ein Schlepper. Am Fischmarkt ist alles leer, die große Halle liegt im Dunkeln, es ist noch zu früh für den Sonntagsmarkt. Svenja zieht die Schuhe aus, weil die Absätze drücken, und läuft barfuß über den Asphalt der Großen Elbstraße. Kolja trägt die Schuhe, ohne dass sie ihn darum gebeten hat.

Er erzählt nicht viel, und das ist gut. Er zeigt ihr Dinge: einen Kutter, auf dem noch Licht brennt, das Hafenamt, die Stelle, an der vor Jahren ein Container von Bord gefallen ist. Sie spürt ihn neben sich, die Wärme, die von ihm ausgeht, und sie spürt ihr eigenes Verlangen, das seit der Kneipe nicht kleiner geworden ist, sondern stetig größer, wie Wasser bei auflaufender Flut.

Kurz vor Neumühlen bleibt sie stehen. Sie legt ihm die Hand in den Nacken und zieht ihn herunter, er ist fast einen Kopf größer, und küsst ihn. Er schmeckt nach Astra und ein bisschen nach Hafen, nach Salz und Diesel, und er hält sie so fest, dass sie kurz den Boden unter den nackten Füßen verliert.

„Wie weit noch?“, fragt sie gegen seinen Mund.

„Zu weit“, sagt er.

Sie nehmen doch ein Taxi. Die Wohnung liegt in der Bahrenfelder Straße, zweiter Stock, ein Fahrrad im Flur, eine Seekarte der Unterelbe an der Wand. Svenja schaut sie nicht lange an. Sie zieht die Jeansjacke aus, dann das T-Shirt mit dem falschen Namen, und wirft es in die Ecke, und Kolja lacht leise, und dann lacht keiner mehr.

Draußen fährt ein Taxi vorbei, dann lange nichts.

Um vier wird der Himmel über den Dächern blau. Svenja liegt wach, den Kopf auf seiner Schulter, und betrachtet die Zahlen auf ihrem Unterarm, die ein bisschen verwischt sind. Sie fühlt sich leicht. Nicht betrunken, das ist lange vorbei. Leicht wie nach einem Sprung ins kalte Wasser.

„Willst du den Strand sehen?“, fragt Kolja, ohne die Augen zu öffnen. „Um diese Zeit ist da keiner.“

Sie gehen die steile Treppe hinunter nach Övelgönne, an den kleinen Lotsen- und Kapitänshäusern vorbei, in deren Vorgärten Rosen wachsen und Rettungsringe hängen. Der Strand ist tatsächlich leer, der Sand kalt und feucht, die Strandbar hat die Stühle angekettet. Auf der anderen Seite liegen die Containerbrücken von Waltershof, und genau in diesem Moment schiebt sich ein riesiges Schiff elbaufwärts, lautlos fast, so hoch wie ein Wohnblock, und die Sonne kommt hinter ihm hervor.

Svenja setzt sich in den Sand und zieht die Knie an. Kolja setzt sich neben sie. Eine Welle vom Schiff läuft den Strand hinauf und leckt an ihren Zehen, und sie quietscht und lacht.

„Ich fahre morgen Mittag zurück nach Kiel“, sagt sie.

„Ich weiß.“

„Ich werde dir nicht schreiben.“

„Ich weiß“, sagt er wieder, und es klingt nicht traurig. „War trotzdem gut, dass du die Aufgabe gemacht hast.“

Sie lehnt den Kopf an seine Schulter, nur noch einmal, und schaut dem Schiff hinterher, bis es hinter der Kurve verschwindet. Sie hat nichts falsch gemacht. Sie wollte ihn, und sie hat es gesagt, und es war genau das, was es sein sollte: eine einzige Nacht, ganz, ohne Fortsetzung.

Kurz nach sechs nimmt sie die erste Fähre ab Neumühlen zurück zu den Landungsbrücken. Die Hafenfähre ist fast leer, ein paar Arbeiter, ein Mann mit Angel. Sie steht draußen an der Reling, der Wind zerrt an ihren Haaren. Dann schreibt sie Maren: „Lebe. Sehr sogar.“

Die Antwort kommt nach zehn Sekunden, obwohl ihre Schwester eigentlich schlafen müsste: drei Flammen und ein Brautschleier.

Svenja wäscht die Nummer an diesem Tag nicht vom Arm. Aber sie speichert sie auch nicht.

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