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Die Uhr am Rheinturm

Aylin, 29 · Düsseldorf

Um achtzehn Uhr gehen in Halle 6 die ersten Scheinwerfer aus, und Aylin zieht hinter dem Tresen des Standes die Pumps aus. Neun Stunden hat sie darin gestanden, auf grauem Messeteppich, neben einer weißen Motoryacht, die mehr kostet als das Haus ihrer Eltern in Hilden. Neun Stunden Lächeln, Prospekte, Kaffee aus dem Vollautomaten, Männer in Funktionsjacken, die fragen, ob sie „auch mit an Bord“ gehört. Sie hat dreihundert Mal „Herzlich willkommen auf der boot“ gesagt und genau einmal „Nein“, zu einem Mann aus Bremen, der ihr seine Kabinennummer auf die Rückseite einer Visitenkarte geschrieben hatte. Die Karte liegt im Papierkorb unter dem Tresen.

Ihre Füße pochen. Ihr Handy zeigt eine Nachricht, die um 16:12 gekommen ist.

„Bin im Hotel am Ende der Hafenmole. Die Bar hat Sessel, in denen man versinken kann. Ich hab dir einen freigehalten. J.“

Sie tippt: „Ich komm in Sneakers.“

Die Antwort kommt nach vier Sekunden: „Ich hätte dich auch barfuß genommen.“

Aylin grinst auf ihr Display, und die Kollegin vom Nachbarstand, die gerade ihre Namensschilder einsammelt, fragt, was so lustig ist. „Nichts“, sagt Aylin und stopft die Pumps in den Jutebeutel. „Feierabend.“

Sie kennt ihn seit neun Tagen. Joris, siebenunddreißig, Bauingenieur aus Hamburg, prüft Brücken, und zwar, wie er schrieb, „die, bei denen man lieber nicht so genau wissen will, wie alt sie sind“. Diese Woche ist er wegen einer Rheinbrücke in Düsseldorf, drei Nächte im Hotel, Donnerstag zurück an die Elbe. Sein Profilfoto zeigt ihn in orangefarbener Warnweste unter einer Stahlkonstruktion, und das hatte Aylin gefallen, weil es das einzige Foto auf der ganzen App war, auf dem ein Mann nicht versuchte, jemand anderes zu sein.

Am zweiten Tag hatte sie ihm geschrieben, was sie jedem schreibt, bei dem es ernst wird. Nicht ernst im Sinne von ernst. Ernst im Sinne von: Es passiert wirklich.

„Eine Nacht. Eine einzige. Kein Frühstück zu zweit, kein ‚Wir schreiben uns‘, kein Wiedersehen, wenn du im Sommer wieder hier bist. Wenn du damit leben kannst, sehen wir uns. Wenn nicht, auch kein Problem.“

Er hatte eine Stunde gebraucht für die Antwort. Dann: „Ich kann damit sehr gut leben. Ich frage mich nur, ob ich es danach noch kann. Aber das ist mein Problem.“

Das war der Moment, in dem sie beschlossen hatte, dass es dieser sein würde.

Die U78 von der Messe ist voll mit Leuten in Segeljacken, die alle nach Bier und Teakholzöl riechen. Aylin steigt am Hauptbahnhof in die Straßenbahn um, fährt bis zum Stadttor und geht den Rest zu Fuß. Es ist Januar, der Wind vom Rhein ist so kalt, dass ihre Ohren nach zwei Minuten brennen. Rechts ragt der Rheinturm in den schwarzen Himmel, die Lichtpunkte an seinem Schaft zeigen die Uhrzeit, und Aylin hat nie gelernt, sie zu lesen. Links stehen die Gehry-Bauten, weiß, silbern, backsteinrot, so schief und verbeult, als hätte jemand drei Häuser in einen Trockner gesteckt. Im Licht der Straßenlaternen sehen sie aus, als würden sie sich bewegen, sobald man wegschaut.

An einer Fassade klettern die bunten Figuren hinauf, die sie als Kind immer gezählt hat. Sie zählt sie auch jetzt. Es beruhigt sie nicht.

Er hat nicht übertrieben. Die Sessel in der Bar sind tief, dunkelgrün und so weich, dass Aylin mit einem kleinen Laut hineinsinkt, bevor sie überhaupt Hallo gesagt hat. Joris steht auf, als sie kommt, und setzt sich wieder, als sie schon sitzt, ein bisschen unbeholfen, und genau das macht ihn sympathisch. Er ist schlanker als auf dem Foto, trägt einen dunkelblauen Pullover mit ausgefranstem Bündchen und hat auf dem Tisch ein Glas Wasser und ein zweites, leeres Glas stehen.

„Für dich“, sagt er. „Ich wusste nicht, was du trinkst. Also hab ich gewartet.“

„Gin Tonic. Mit Gurke, wenn sie so was haben.“

„Die haben hier Gurken, die haben vermutlich einen eigenen Namen.“

Sie lacht, und dann hebt sie das rechte Bein und legt den Fuß, Socke und alles, auf den kleinen Hocker zwischen ihnen. „Entschuldige. Neun Stunden.“

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Er schaut auf ihren Fuß, dann in ihr Gesicht. „Darf ich?“

Sie weiß nicht genau, was er meint, und nickt trotzdem. Er nimmt ihren Fuß in beide Hände, durch die Socke hindurch, und drückt mit dem Daumen in die Mitte der Sohle, dahin, wo der Schmerz am tiefsten sitzt. Aylin schließt die Augen. Hinter der Glasfront liegt das schwarze Hafenbecken, und irgendwo läuft leise Jazz, und der Barkeeper stellt den Gin Tonic vor sie hin, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie denkt, dass das hier das Unanständigste ist, was sie seit Monaten in einer Hotelbar erlebt hat, und dass noch gar nichts passiert ist.

„Wo hast du das gelernt?“

„Meine Schwester ist Physiotherapeutin. Ich war jahrelang ihr Übungsobjekt. Irgendwann hab ich den Spieß umgedreht.“

Sie reden. Über Brücken, über die Rheinkniebrücke, die er gerade mit einem Hubsteiger von unten abgeklopft hat, über Beton, der krank wird, wenn Salz hineinkommt. Über Aylins Jobs, über Messen, die sie gemacht hat, Autos in Frankfurt, Medizintechnik in Düsseldorf, Mode in Berlin. Über ihre Mutter, die glaubt, dass sie in einem Büro arbeitet. Über seinen Vater, der Kapitän auf einem Schlepper war und nie verstanden hat, warum sein Sohn Brücken lieber mag als Schiffe.

„Weil eine Brücke nirgendwohin fährt“, sagt Joris. „Sie bleibt, wo sie ist. Man weiß, woran man ist.“

„Ich bin genau das Gegenteil.“

„Ich weiß.“ Er lässt ihren Fuß los und nimmt den anderen. „Das ist ja das Schöne.“

Um halb elf stellt sie das leere Glas ab. Sie setzt sich auf, zieht die Füße zu sich heran und sieht ihn an, ganz ruhig. Ihr Puls hämmert, und sie fragt sich, ob man das von außen sieht.

„Welches Stockwerk?“

„Siebtes.“ Er räuspert sich. „Mit Blick auf den Turm.“

„Dann kannst du mir heute Nacht beibringen, wie man die Uhr liest.“

Im Aufzug stehen sie zuerst nebeneinander, mit einem halben Meter Abstand, wie zwei Fremde, die zufällig zur selben Zeit nach oben wollen. Dann, zwischen dem dritten und vierten Stock, dreht Aylin sich zu ihm und zieht ihn am Pullover zu sich herunter. Sein Mund schmeckt nach Mineralwasser und nach etwas Salzigem von den Nüssen auf dem Tisch. Als die Türen aufgehen, müssen sie beide lachen, weil ein älterer Herr im Bademantel davorsteht und sehr höflich zur Seite tritt.

Das Zimmer ist kleiner als gedacht, ein Koffer liegt offen auf der Ablage, daneben ein Stapel Pläne mit Eselsohren. Der Rheinturm steht direkt vor dem Fenster, riesig, und die Lichter an seinem Schaft blinken in Reihen, die Aylin nichts bedeuten. Sie zieht die Vorhänge nicht zu. Den Rest der Nacht erklärt ihr Joris die Uhr nicht, und sie fragt auch nicht mehr danach.

Um halb sieben klingelt ihr Handywecker. Der Messetag beginnt um neun, sie muss um acht am Stand sein, geschminkt, gebügelt, lächelnd. Joris schläft auf dem Bauch, einen Arm unter dem Kopfkissen, und atmet so tief, dass sie ihn eine Weile nur ansieht.

Sie duscht, zieht die Bluse vom Vortag an, bindet die Haare zu einem strengen Knoten. Auf den Notizblock mit dem Hotellogo schreibt sie keinen Satz. Sie zeichnet nur einen Bogen, eine einfache Linie zwischen zwei Punkten, wie eine Brücke, und legt den Stift quer darüber.

Dann tritt sie ans Fenster. Der Himmel über dem Rhein ist grau, und am Turm leuchten die Lichtpunkte, und plötzlich sieht sie es: oben die Stunden, darunter die Minuten, ganz unten die Sekunden, die unbeirrt weiterlaufen. Null und sechs, drei und neun. Sechs Uhr neununddreißig. Es ist so einfach, wenn man einmal weiß, wo man anfangen muss, dass sie sich fast ärgert.

Er hat es ihr also doch beigebracht, irgendwann in der Nacht, zwischen zwei Sätzen, die sie vergessen hat.

In der U-Bahn zur Messe schreibt sie keine Nachricht. Er auch nicht. Um neun Uhr steht Aylin in Halle 6 neben der weißen Yacht, in frisch geputzten Pumps, und sagt: „Herzlich willkommen auf der boot.“ Ihre Füße tun kein bisschen weh.

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