Bis die Stühle oben sind
Lena, 27 · Berlin
Um halb elf war die Bar so voll, dass ich die Bestellungen nur noch von den Lippen ablesen konnte. Freitag in der Weserstraße: Leute, die schon vorher irgendwo gewesen waren, und Leute, die noch irgendwohin wollten, und dazwischen ich, mit nassen Unterarmen und einem Geschirrtuch im Hosenbund. Ich mixte, kassierte, lachte über Witze, die ich nicht verstand, und jedes Mal, wenn ich mich zur Kasse drehte, warf ich einen Blick auf mein Handy, das neben den Limetten lag.
„Ich komme gegen Mitternacht. Du musst nichts tun. Ich bestelle, ich trinke, ich warte.“ Das hatte er am Nachmittag geschrieben. Tomasz, vierunddreißig, Statiker. Seit sechs Tagen schrieben wir uns, erst auf der App, dann per Nachricht, meistens nachts, wenn ich nach der Schicht auf dem Fahrrad saß und er angeblich noch rechnete. Er rechnete aus, ob Dächer halten. Ich fand das auf eine Art beruhigend, die ich mir nicht ganz erklären konnte.
Ich hatte ihm gesagt, dass ich bis drei arbeite. Dass ich nach der Schicht nach Bier und Zitronen rieche und nicht besonders gesprächig bin. Er hatte geantwortet: „Dann rede ich.“ Und irgendwann, zwischen zwei Nachrichten über Tragwerke und über den schlechtesten Cocktail, den ich je gemischt hatte, schrieb ich: „Komm vorbei. Aber du wartest bis zum Schluss.“
Er kam um zehn nach zwölf. Ich erkannte ihn sofort, obwohl er auf den Fotos eine Brille getragen hatte und jetzt keine trug. Groß, ein bisschen schlaksig, ein dunkelgrüner Pullover mit einem Loch am Ellbogen, das er offensichtlich nicht bemerkt hatte oder das ihm egal war. Er setzte sich ans Ende des Tresens, dorthin, wo die Gläser abgestellt werden und niemand gern sitzt, und hob zwei Finger zum Gruß.
„Was darf's sein?“, fragte ich, als wäre er irgendwer.
„Was trinkst du selbst am liebsten?“
„Nach Feierabend? Wasser.“
„Dann ein Bier“, sagte er. „Das Wasser heben wir uns auf.“
Ich stellte ihm ein Bier hin und ging weg, weil drei Leute gleichzeitig nach mir riefen. Aber ich spürte ihn. Nicht seinen Blick, der war erstaunlich zurückhaltend, eher seine Anwesenheit, so wie man einen offenen Fensterflügel im Rücken spürt. Er las etwas auf dem Handy, er schaute der Musik zu, wenn man das so sagen kann, er sprach kurz mit einem Mädchen neben ihm, das ihn nach Feuer fragte, und er hatte keins. Nach dem zweiten Bier bestellte er Salzstangen. Nach dem dritten fragte er, ob er die leeren Gläser nach hinten bringen dürfe, und ich sagte nein, und er tat es trotzdem, und Deniz, der Barbesitzer, sah mich über die Zapfanlage hinweg an und hob eine Augenbraue.
Um halb zwei wurde es leerer. Um zwei spielte jemand vom Handy aus ein altes Lied von Ton Steine Scherben, und die letzten Gäste sangen mit, schief und glücklich. Ich lehnte mich zum ersten Mal an diesem Abend zu Tomasz hinüber.
„Du kannst gehen, wenn du müde bist. Das ist kein Test.“
„Doch“, sagte er. „Ist es. Aber ich bin gut in so was. Ich hab mal neun Stunden auf einen Kran gewartet.“
„Und? Kam er?“
„Er kam. Er war schöner, als ich dachte.“
Ich lachte so laut, dass Deniz sich umdrehte.
Um drei ging das große Licht an, das hässliche, das jede Bar in eine Turnhalle verwandelt. Ich stellte die Stühle auf die Tische, Tomasz nahm wortlos den zweiten Stapel. Wir wischten, zählten die Kasse, Deniz drückte mir meine Trinkgeldhälfte in die Hand und sagte leise: „Der Kran-Typ ist okay.“ Dann schloss er hinter uns ab.
Die Weserstraße um diese Uhrzeit ist nicht still, sie ist nur leiser. Ein Späti hatte noch offen, vor einer Kneipe standen Raucher, ein Taxi fuhr Schritttempo, als suche es jemanden. Es war kühl, es roch nach Linden und nach irgendwas Frittiertem. Ich zog mir die Jacke über, und mir wurde klar, dass ich gar nicht nach Hause wollte. Noch nicht.
„Hast du schon mal gesehen, wie es auf dem Feld hell wird?“, fragte ich.
„Auf dem Tempelhofer? Nachts ist doch zu.“
„Die Tore sind zu. Aber der Himmel nicht.“
Wir liefen los. Über die Pannierstraße, an geschlossenen Friseursalons und Shisha-Bars vorbei, über die Sonnenallee, wo selbst um diese Zeit noch ein Bäcker Licht in der Backstube hatte. Er redete, wie er es versprochen hatte. Über Dachstühle, die arbeiten dürfen, und solche, die es besser nicht tun. Über seine Großmutter in Gdańsk, die ihm beigebracht hatte, dass man Pilze nie waschen soll. Ich hörte zu und merkte, wie mir die Müdigkeit aus den Schultern rutschte. Irgendwo an der Hermannstraße nahm er meine Hand, beiläufig, als hätte er es schon hundertmal getan, und ich ließ sie ihm.
Im Schillerkiez war es ruhiger. Die Herrfurthstraße schlief, die Kirche auf dem Platz war ein dunkler Umriss. Am Ende der Oderstraße stand der Zaun, und dahinter lag das Feld: so viel Leere mitten in der Stadt, dass man jedes Mal kurz schlucken muss. Die alte Landebahn, die Wiesen, weit hinten das lange Flughafengebäude. Über Kreuzberg wurde der Himmel schon grau, dann blassgelb an den Rändern.
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Jetzt geile Frauen treffenWir setzten uns auf eine Bank direkt am Zaun. Ich zog die Knie an, er legte seinen Arm hinter mich auf die Lehne, ohne mich zu berühren. Eine Weile sagte keiner etwas. Eine Lerche fing an, oder vielleicht war es gar keine Lerche, aber es klang nach Anfang.
„Du hast drei Stunden in einer Bar gesessen, in der du niemanden kennst“, sagte ich. „Warum?“
Er überlegte. Das mochte ich an ihm: Er überlegte wirklich, bevor er antwortete. „Weil du geschrieben hast, dass du nach Zitronen riechst. Ich wollte wissen, ob das stimmt.“
Ich drehte mich zu ihm. „Und?“
Er beugte sich vor, sehr langsam, bis seine Nase an meinem Hals war, und atmete ein. „Stimmt“, sagte er. „Und nach Bier. Und nach dir.“
Ich küsste ihn. Nicht er mich – ich ihn, mit beiden Händen an seinem Pullover, genau dort, wo das Loch am Ellbogen war. Er schmeckte nach Salzstangen. Der Himmel hinter ihm wurde rosa, und ich dachte, ganz klar und ohne jede Scham: Ich will diesen Mann. Jetzt. Nicht beim nächsten Treffen, nicht nach dem dritten Date, nicht, wenn es sich gehört.
„Ich wohne vier Minuten von hier“, sagte ich. „In der Weisestraße.“
„Soll ich das als Einladung verstehen?“
„Als Wegbeschreibung. Die Einladung kommt, wenn du mitgehst.“
Wir liefen nicht schnell, aber auch nicht langsam. Im Treppenhaus roch es nach dem Kohl meiner Nachbarin, und ich entschuldigte mich nicht dafür. Vierter Stock, Seitenflügel, die Tür klemmt, man muss sie mit der Hüfte aufdrücken. Er sah sich um: die Pflanzen auf dem Fensterbrett, die zu viel Wasser bekamen, die Plattensammlung meines Vaters, das ungemachte Bett hinter dem Vorhang.
„Wasser?“, fragte ich.
„Jetzt ja“, sagte er.
Ich schenkte zwei Gläser ein, und wir tranken sie nicht aus. Durch das Küchenfenster fiel das erste richtige Licht, schräg und golden, und legte sich über seine Schultern, als ich ihm den Pullover über den Kopf zog. Er ließ mich machen. Er ließ mich das Tempo bestimmen, und ich bestimmte es, und irgendwann zog ich den Vorhang zum Schlafzimmer hinter uns zu.
Irgendwann hörte ich unten im Hof die Müllabfuhr und dachte, dass mir die Uhrzeit noch nie so egal gewesen war.
Als ich wieder aufwachte, war es fast Mittag. Draußen schrie ein Kind nach einem Eis, auf dem Hof schlug jemand einen Teppich aus. Tomasz lag auf dem Bauch und schlief, ein Arm hing aus dem Bett. Ich betrachtete ihn eine Weile, die Schulterblätter, die Haare, die im Nacken zu lang waren, und stellte fest, dass ich nichts bereute. Kein bisschen. Ich hatte gewollt, und ich hatte genommen, was ich wollte, und er hatte es mir gegeben, ohne dass einer von uns so tun musste, als wäre es anders.
Ich machte Kaffee in der kleinen italienischen Kanne, die immer ein bisschen überkocht. Er kam in die Küche, nur in Jeans, und nahm mir die Tasse aus der Hand, bevor ich sie ihm anbieten konnte.
„Ich muss um vier auf eine Baustelle in Adlershof“, sagte er. „Samstags. Ich weiß.“
„Ich muss um neun wieder hinter den Tresen.“
„Soll ich wieder warten?“
Ich trank einen Schluck und sah ihn über den Tassenrand an. „Heute nicht. Heute schlafe ich nach der Schicht. Aber Dienstag habe ich frei.“
Er nickte, als würde er eine Last berechnen. „Dienstag hält“, sagte er.
Als er gegangen war, stand ich noch eine Weile am Küchenfenster. Unten auf der Weisestraße lief er Richtung U-Bahn Boddinstraße, drehte sich einmal um, obwohl er nicht wissen konnte, welches Fenster meins war, und hob trotzdem zwei Finger. Ich lachte laut in die leere Küche. Dann ging ich duschen, und es war mir völlig egal, dass ich den ganzen Tag nach Zitronen roch.







