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Mittagspause am Eisbach

Theresa, 36 · München

Ich habe zwanzig Minuten. Das sage ich mir jeden Tag, wenn ich um eins aus dem Büro am St.-Anna-Platz gehe, und jeden Tag werden es fünfunddreißig. Heute ist Mittwoch, Ende Juli, die Stadt flimmert, und im Büro streiten sich zwei Kollegen seit dem Morgen darüber, ob eine Fassade anthrazit oder schiefergrau sein soll. Ich habe die Farbmuster auf den Tisch gelegt und gesagt: „Das ist dieselbe Farbe.“ Dann habe ich meine Tasche genommen.

Ich kaufe eine Brezn und eine Apfelschorle beim Bäcker in der Maximilianstraße und laufe die Prinzregentenstraße hinauf, am Nationalmuseum vorbei, bis zu der Brücke neben dem Haus der Kunst. Dort, wo der Eisbach unter der Straße hervorschießt und sich zu dieser einen stehenden Welle aufbäumt, die Touristen aus aller Welt fotografieren. Ich stelle mich ans Geländer, wie immer. Ich schaue den Surfern zu, wie immer. Es ist meine Art, den Kopf zu lüften: Menschen zuzusehen, die etwas tun, das mit Statik nichts zu tun hat und trotzdem hält.

Sie stehen in einer Reihe am Ufer, die Bretter unter dem Arm, in Neoprenanzügen trotz der Hitze, weil das Wasser kalt ist. Einer nach dem anderen springt auf die Welle, tanzt ein paar Sekunden, zehn, zwanzig, dann schluckt ihn der Bach und spuckt ihn weiter unten wieder aus. Keiner drängelt. Es gibt Regeln, die niemand aufgeschrieben hat.

Der fünfte in der Reihe hat ein gelbes Brett. Ich sehe es zuerst nur aus dem Augenwinkel, dann sehe ich genauer hin. Ein gelbes Brett, darauf eine abgeriebene Sonne, schwarz aufgemalt. Ich kenne dieses Brett. Ich habe es vor drei Tagen gesehen, abends im Bett, auf meinem Handy: auf einem Profilfoto in der App, auf der ich seit einem Monat bin und bisher genau zwei eher traurige Kaffees getrunken habe.

Ich lege die Brezn auf das Geländer und scrolle. Da ist er. Vinzenz, 39. „Arbeite nachts, surfe mittags, schlafe selten.“ Auf dem Foto steht er am selben Ufer, das Brett neben sich, und grinst in die Kamera, als hätte ihm gerade jemand einen guten Witz erzählt. Ich hatte das Profil angeschaut und dann weitergeblättert. Warum eigentlich? Ich weiß es nicht mehr. Wahrscheinlich, weil es spät war und ich müde und weil „surfe mittags“ nach einem Mann klang, der keine Termine einhält.

Jetzt springt er auf die Welle. Er ist gut, nicht spektakulär, aber ruhig, er dreht sich zweimal quer, fährt fast bis an die Mauer heran, bleibt länger oben als die anderen. Dann lässt er sich rückwärts fallen, taucht unter, kommt prustend wieder hoch und treibt davon.

Ich schaue auf die Uhr. Dreizehn Uhr achtzehn.

Ich schreibe: „Gelbes Brett, schwarze Sonne. Du bist gerade zwei Sekunden länger oben geblieben als nötig. Angeber.“

Ich drücke auf Senden, bevor ich es mir anders überlegen kann, und dann ist mir sofort heiß im Gesicht, heißer als von der Sonne. Ich bin sechsunddreißig Jahre alt, ich baue Wohnhäuser mit achtundvierzig Einheiten, und ich stehe an einem Brückengeländer und warte darauf, dass ein nasser Fremder sein Handy aus dem Rucksack holt.

Es dauert elf Minuten. Er klettert weiter unten aus dem Bach, geht barfuß über die Wiese zu einem Baum, an dem ein Rucksack hängt, trocknet sich die Hände an einem Handtuch ab. Dann schaut er aufs Display. Dann dreht er sich um und schaut zur Brücke hoch, direkt zu mir, als hätte ihm jemand gesagt, wo er suchen soll.

Mein Handy vibriert. „Die Frau mit der Brezn? Du hast mir mit dem Blick schon den ganzen Durchgang versaut.“

Ich lache. Laut, allein, auf der Brücke. Ein japanisches Paar dreht sich zu mir um.

Er kommt die Böschung hoch, den Neoprenanzug bis zur Hüfte heruntergezogen, das Handtuch über der Schulter. Er ist kleiner, als ich dachte, und kräftiger, die Haare nass und dunkel, auf dem Schlüsselbein eine blasse Narbe. Er riecht nach Bachwasser, nach Sonnencreme.

„Theresa“, sagt er. Er hat mein Profil in den elf Minuten angeschaut, das merke ich. „Die Architektin, die keine Glasfassaden mag.“

„Der Nachtarbeiter, der mittags surft. Was machst du nachts?“

„Narkosen“, sagt er. „Ich bin Anästhesist. Ich schicke Leute schlafen und hole sie wieder zurück. Heute Nacht hatte ich Dienst, deshalb habe ich jetzt frei. Bis morgen um sieben.“

Ich schaue auf die Uhr. Dreizehn Uhr einundvierzig. Um zwei habe ich eine Besprechung mit einem Bauherrn aus Grünwald, der glaubt, dass Beton atmet.

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„Ich müsste zurück ins Büro“, sage ich.

„Musst du?“

Ich denke an die zwei Kollegen und die schiefergraue Fassade, die anthrazit ist. Ich denke an den Bauherrn. Und dann denke ich an nichts mehr davon, weil er mir die Brezn vom Geländer nimmt, ein Stück abbricht und es sich in den Mund steckt, ganz selbstverständlich, und dabei nicht aufhört, mich anzuschauen.

Ich rufe im Büro an und sage, dass mir schlecht ist. Es ist die erste Lüge seit Jahren, und sie fühlt sich hervorragend an.

Den Nachmittag verbringen wir im Englischen Garten, auf einer Wiese unterhalb des Monopteros, er in Shorts und T-Shirt, ich barfuß, die Bluse bis zum dritten Knopf offen, weil es so heiß ist, und weil ich es will. Wir liegen im Gras und reden. Über Narkose, darüber, dass Menschen im Aufwachraum manchmal Dinge sagen, die sie nie laut sagen würden. Über Häuser, die zu groß für ihre Bewohner sind. Einmal legt er seine Hand auf meinen nackten Bauch, ganz leicht, und lässt sie dort liegen, und ich höre auf, ihm zuzuhören.

Später holen wir uns am Kiosk zwei Radler und trinken sie aus der Flasche. Er erzählt, dass er mit zwölf in Biarritz zum ersten Mal auf einem Brett stand und seitdem jede Welle sucht, auch die, die nirgendwohin läuft. Ich sage, das sei das Ehrlichste, was mir ein Mann seit Langem erzählt hat.

„Ich verspreche dir nichts“, sagt er irgendwann. „Ich habe Dienste, die mir die Wochen zerlegen. Ich bin kein Mann für Sonntagsbrunch.“

„Ich hab nicht nach einem Versprechen gefragt“, sage ich. „Ich hab nach dem Abend gefragt.“

„Hast du nicht.“

„Dann frage ich jetzt.“

Gegen sieben laufen wir durch die Schellingstraße, am Schelling-Salon vorbei, in dem alte Männer Billard spielen, als wäre es noch 1970. Wir essen Pasta an einem Tisch auf dem Gehsteig in der Türkenstraße und trinken einen Weißwein, der zu kalt ist. Studenten radeln vorbei, Hunde schnüffeln an unseren Knöcheln. Ich lehne mich über den Tisch und küsse ihn, mitten im Satz, weil ich es nicht mehr aushalte, und ihm rutscht die Gabel aus der Hand und klirrt auf den Asphalt, und der Kellner bringt eine neue, ohne ein Wort.

Er wohnt in der Amalienstraße, vierter Stock, Altbau, kein Aufzug. Im Treppenhaus drehe ich mich auf dem zweiten Absatz um und küsse ihn noch einmal, eine Stufe über ihm, sodass wir endlich gleich groß sind. Das Brett lehnt im Flur. Die Fenster stehen offen, von unten hört man Stimmen, Gläser, das Klingeln einer Tram, und die Abendsonne liegt orange auf den Dielen.

Die Stunden danach haben kein Geräusch, an das ich mich erinnere, außer seinem Atem und meinem eigenen Lachen.

Als ich um halb elf gehe, liegt er auf dem Rücken, ein Arm über den Augen. „Ich schreibe dir nicht morgen“, sagt er. „Morgen schlafe ich wieder Leute ein.“

„Gut“, sage ich. „Ich schreibe dir auch nicht.“

Ich nehme die U-Bahn nicht. Ich laufe zu Fuß nach Hause, durch den warmen Abend, die Ludwigstraße hinunter, und merke, dass ich die ganze Zeit lächle. Ich weiß nicht, ob ich ihn wiedersehe. Vielleicht an einem Mittwoch, am Geländer. Vielleicht nie. Es ist mir gleich. Ich habe genommen, was da war, und es hat gehalten.

Am nächsten Morgen sagt ein Kollege, ich sähe erholt aus für jemanden, dem schlecht war. Ich sage, die Fassade sei anthrazit. Er widerspricht nicht.

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