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Der mit der Brezel

Julia, 31 · Hannover

21:04 – „Zug fällt aus. Komplett. Sturm hat irgendwo bei Göttingen einen Baum aufs Gleis gelegt. Ich steh in Hannover Hbf und esse eine Brezel, die ich nicht wollte.“

21:05 – „Wie traurig ist die Brezel?“

21:05 – „Auf einer Skala von eins bis Weltschmerz: Weltschmerz.“

21:19 – „Und jetzt?“

21:20 – „Die Bahn sagt, vielleicht morgen früh. Die Hotels sagen, heute nicht. Drei angerufen, alle voll. Messe irgendwas. Ich überlege, ob die Bänke in der Halle bequem sind.“

21:58 – „Sind sie nicht. Ich hab eine getestet.“

Um zweiundzwanzig Uhr saß ich auf meinem Sofa in der List, die Beine unter einer Decke, den Laptop auf dem Couchtisch, auf dem Bildschirm ein Logo für eine Bäckereikette aus Celle, das ich seit drei Tagen nicht fertig bekam. Draußen warf der Wind Regen gegen die Scheiben, so heftig, dass es klang wie Kies. Irgendwo auf der Straße klapperte eine Mülltonne, die sich losgerissen hatte, und das Licht der Laterne vor meinem Fenster schwankte hin und her.

Ich sah auf das Handy. Dann auf das Sofa unter mir. Dann wieder auf das Handy.

22:01 – „Ich hab ein Sofa. Es ist ausziehbar. Es ist fünfundzwanzig Minuten zu Fuß vom Bahnhof, immer die Lister Meile hoch. Bei dem Wetter vielleicht dreißig.“

Ich schickte es ab, schnell, damit die Vernunft keine Zeit hatte. Dann drehte ich das Handy um, als könnte es mich sonst beobachten, stand auf, ging in die Küche, trank ein Glas Wasser und kam zurück.

22:03 – „Bist du sicher?“

22:03 – „Nein. Komm trotzdem.“

Wir schrieben uns seit Anfang September. Veit, neununddreißig, Klavierstimmer, wohnt in Hamburg-Eimsbüttel und fährt durch halb Norddeutschland, um Konzertflügel zu stimmen, in Stadthallen, Musikschulen, einmal sogar in einer Dorfkirche in der Lüneburger Heide, wo er vier Stunden lang allein mit einem Steinway und zwei Fledermäusen verbracht hatte. An diesem Abend war er auf dem Weg nach Kassel, wo morgen früh ein Pianist aus Lettland spielen sollte, auf einem Instrument, das Veit vorher noch anfassen musste. Wir hatten nie telefoniert. Nur geschrieben, jeden Abend, lange Nachrichten, in denen er mir Dinge erklärte wie die reine Stimmung und die wohltemperierte, und ich ihm, warum eine Schrift gut aussieht oder eben nicht.

Wir hatten uns nie getroffen. Ich hatte ein bisschen Angst davor gehabt. Nicht vor ihm. Vor dem Moment, in dem die Stimme aus den Nachrichten ein Gesicht bekommt, eine Art zu gehen, einen Geruch, und in dem man merkt, dass es doch nicht passt.

In den einunddreißig Minuten dazwischen tat ich Dinge, die ich mir selbst nicht erklären konnte. Ich räumte die Kaffeetassen von drei Arbeitstagen in die Spülmaschine. Ich zog das Haargummi heraus und band die Haare wieder zusammen, zweimal. Ich wechselte die Jogginghose gegen eine Jeans und die Jeans gegen ein Kleid und das Kleid wieder gegen die Jeans, weil ein Kleid um halb elf an einem Dienstag bei Sturm lächerlich ausgesehen hätte, als hätte ich etwas geplant. Ich hatte nichts geplant. Ich hatte nur ein Sofa angeboten. Ich stand vor dem Badezimmerspiegel und sagte das laut, und die Frau im Spiegel glaubte mir kein Wort.

Um 22:34 klingelte es.

Er stand im Treppenhaus, nass bis auf die Knochen, eine Reisetasche über der Schulter und eine schmale Werkzeugtasche in der Hand, die er festhielt wie ein Kind. Die Haare klebten ihm an der Stirn. Er war nicht so groß, wie ich gedacht hatte, und nicht so dünn, und seine Augen waren grau, was auf den Fotos nicht zu sehen gewesen war. Wasser tropfte von seinem Mantel auf meine Fußmatte.

„Hallo“, sagte er. „Ich bin der mit der Brezel.“

Und da war es, einfach so. Es passte.

Ich gab ihm ein Handtuch und ein altes T-Shirt meines Bruders, das mit der Aufschrift eines Fußballturniers von 2009. Er zog sich im Bad um, und ich hörte, wie er leise fluchte, weil die Jeans an den Beinen klebte. Die Werkzeugtasche hatte er vorher auf meinen Küchentisch gelegt und aufgeklappt, um nachzusehen, ob Wasser hineingelaufen war: Stimmhämmer, Filzkeile, eine Stimmgabel in einem kleinen Samtfutteral. Alles trocken. Er atmete aus, als hätte er gerade erfahren, dass jemand aus seiner Familie einen Unfall überlebt hat. Ich machte Tee. Dann stellte ich den Tee wieder weg und holte stattdessen die Flasche Grauburgunder aus dem Kühlschrank.

Als er aus dem Bad kam, barfuß, in Boxershorts und dem Turniershirt, stand er vor meinem Bücherregal und dem kleinen E-Piano in der Ecke, das ich mir vor Jahren gekauft und nie richtig benutzt hatte.

„Das ist ein Digitalpiano“, sagte er, fast vorwurfsvoll.

„Man muss es nicht stimmen.“

„Eben. Das ist ja das Traurige.“

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Er setzte sich trotzdem davor, schaltete es ein, drehte die Lautstärke herunter, damit die Nachbarn nicht aufwachten, und spielte etwas, das ich nicht kannte. Langsam, ein bisschen schief im Rhythmus, als würde er es sich beim Spielen erst überlegen. Draußen heulte der Sturm. Ich stand mit zwei Weingläsern in der Tür und sah ihm zu, und irgendwann merkte ich, dass ich die Gläser vergessen hatte.

„Was ist das?“

„Weiß ich noch nicht“, sagte er, ohne aufzuhören. „Fällt mir gerade ein.“

Ich stellte die Gläser auf das Piano, neben seine Hände. Dann setzte ich mich zu ihm auf den Hocker, der eigentlich für eine Person gemacht war, und er rutschte zur Seite, und unsere Hüften berührten sich. Er spielte weiter. Ich legte meine Hand auf seinen Oberschenkel, auf den Stoff seiner Shorts, und er verspielte sich. Einmal. Dann nahm er die Hände von den Tasten.

„Ich hab dir versprochen, dass ich auf dem Sofa schlafe“, sagte er.

„Hast du nicht. Ich hab's dir angeboten.“

„Ist das ein Unterschied?“

„Ein ziemlich großer.“

Er drehte sich zu mir. Ich küsste ihn zuerst. Er schmeckte nach Pfefferminz, nach dem Kaugummi, den er wahrscheinlich im Treppenhaus schnell noch ausgespuckt hatte, und nach Regen. Er hielt mein Gesicht mit beiden Händen, so vorsichtig, als könnte er es verstimmen. Das E-Piano summte leise im Standby.

Das Sofa blieb, wie es war. Eingeklappt, mit der Decke darauf, die ich um zweiundzwanzig Uhr noch über den Beinen gehabt hatte, und dem Laptop daneben, auf dem das Logo für die Bäckerei aus Celle weiterhin nicht fertig war. Die Tür zu meinem Schlafzimmer stand offen. Den Sturm hörte ich irgendwann nicht mehr.

Um halb sechs vibrierte sein Handy auf dem Nachttisch. Eine Nachricht der Bahn: Strecke wieder frei, ICE nach Kassel um 6:31, planmäßig.

Er stöhnte ins Kissen. Ich lachte in seinen Nacken.

„Du musst los.“

„Ich weiß.“

„Der Lette braucht dich.“

„Der Lette braucht einen gestimmten Flügel. Das ist nicht dasselbe.“

Ich machte ihm Kaffee in einem Thermobecher, den ich nicht zurückhaben wollte. Seine Jeans war über Nacht auf der Heizung getrocknet und steif wie Pappe. Er zog sie trotzdem an, dann den Mantel, nahm die Reisetasche und die schmale Werkzeugtasche, die er die ganze Nacht nicht aus den Augen gelassen hatte, und stand in meinem Flur, genau da, wo er gestern getropft hatte.

„Danke für das Sofa“, sagte er.

„Du hast es nicht mal ausgezogen.“

„Ich weiß.“ Er grinste. „Gerade deshalb.“

Draußen war der Himmel sauber gewaschen, der Sturm weitergezogen nach Osten. Auf der Straße lagen abgerissene Zweige, ein umgekippter Fahrradständer, eine einsame Plastiktüte, die sich in einer Hecke verfangen hatte. Ich sah ihm vom Fenster aus nach, wie er in Richtung Bahnhof ging, schnell, mit langen Schritten, ohne sich umzudrehen.

Dann setzte ich mich an den Laptop. Das Logo für die Bäckerei aus Celle war in zwanzig Minuten fertig. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht, weil ich endlich wusste, wie es klingen sollte.

Um 7:48 kam eine Nachricht. Ein Foto. Ein Konzertflügel in einem leeren Saal, der Deckel offen, das Licht von der Seite.

Darunter: „Angekommen. Er ist fürchterlich verstimmt. Ich hab jetzt drei Stunden Zeit, an dich zu denken.“

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