Noch wach
Franzi, 24 · Leipzig
Zwölf Minuten. So lange steht er jetzt schon vor meinem Bild.
Ich weiß es genau, weil ich auf die Uhr über der Tür des Projektraums geschaut habe, als er hereinkam, und weil ich seitdem nichts anderes tue, als so zu tun, als würde ich nicht hinsehen. Draußen auf dem Gelände der Spinnerei schieben sich die Leute zwischen den Backsteinhallen hindurch, mit Sektbechern und Stoffbeuteln, Rundgang eben, drei Tage im Jahr, an denen halb Leipzig plötzlich Kunst kauft oder wenigstens so tut. Hier drin riecht es nach Terpentin und nach der Suppe, die jemand im Flur auf einer Kochplatte warm hält.
Mein Bild hängt an der Stirnwand, zwei Meter zehn mal einen Meter sechzig, Öl auf Leinwand. Eine Frau auf einem Balkon, nachts, von hinten, nur mit einem Männerhemd bekleidet, das ihr bis zu den Oberschenkeln reicht. Unter ihr Wasser, schwarz, mit gelben Lichtflecken. Das Bild heißt „Noch wach“. Mein Professor an der HGB hat gesagt, es sei „zu illustrativ“. Die Frau bin ich. Das sagt keiner laut.
Der Mann davor ist groß, trägt eine Brille mit dünnem Metallrand und einen grauen Wollmantel, der für September zu warm ist. Er hat die Hände hinter dem Rücken verschränkt wie in einem Museum. Und ich kenne ihn. Nicht persönlich. Ich kenne ihn von einem Foto, auf dem er in einer Werkstatt steht, zwischen halbfertigen Geigen, die an Schnüren von der Decke hängen wie Schinken.
Vor elf Tagen haben wir uns gematcht. Wir haben dreimal geschrieben. Dann habe ich die Abgabe vorbereitet und vergessen, ihm zu antworten.
Nach der dreizehnten Minute gehe ich hin. Ich stelle mich neben ihn, gleiche Entfernung zum Bild, und verschränke ebenfalls die Hände hinter dem Rücken.
„Und?“, frage ich.
Er dreht nicht einmal den Kopf. „Das Wasser ist falsch.“
Ich spüre, wie mir das Blut ins Gesicht steigt. „Bitte?“
„Das Wasser. Der Kanal ist nachts nicht schwarz. Er ist grün. So ein dunkles Flaschengrün, weil die Straßenlaternen in Plagwitz Natriumdampf haben. Jedenfalls noch ein paar.“ Jetzt sieht er mich an, und hinter der Brille sind seine Augen hellbraun und ziemlich amüsiert. „Aber alles andere stimmt. Das Hemd vor allem. Hallo, Franzi.“
„Du wusstest, dass ich das bin.“
„Du hast in deinem Profil geschrieben, dass du am Rundgang ausstellst. Es gibt hier ungefähr hundert Ateliers. Ich hab bei eins angefangen.“
„Und das hier ist?“
„Nummer siebenundvierzig.“ Er lächelt. „Ich heiße übrigens Levin. Falls du das auch vergessen hast.“
Ich habe es nicht vergessen. Levin, dreißig, Geigenbauer, aus dem Vogtland nach Leipzig gezogen, arbeitet in einer Werkstatt in Connewitz. In seiner letzten Nachricht hatte er geschrieben: „Ich würde gern mal sehen, was du malst, bevor ich weiß, wie du aussiehst.“ Ich hatte das für eine Floskel gehalten. Offenbar war es keine.
„Du bist durch siebenundvierzig Ateliers gelaufen“, sage ich.
„Einige davon zweimal. Da drüben gibt es einen, der malt ausschließlich Tauben.“
Ich lache so laut, dass sich ein Paar mit Kinderwagen nach uns umdreht. Und irgendwo zwischen diesem Lachen und dem Moment, in dem er wieder auf das Bild schaut, diesmal auf die Stelle, wo das Hemd über die Hüfte fällt, entscheide ich mich.
Ich entscheide mich nicht für eine Beziehung. Ich entscheide mich für heute Abend.
Um neun schließt der Rundgang. Ich habe drei Visitenkarten verteilt, ein Galerist aus Dresden hat „interessant“ gesagt, und meine Mitbewohnerin Jule hat mir eine Sprachnachricht geschickt, dass sie bei ihrem Freund in Gohlis übernachtet. Levin hat die ganze Zeit gewartet. Er hat Suppe aus dem Flur gegessen, mit dem Taubenmaler über Leinöl gefachsimpelt und niemandem erklärt, warum er noch da ist.
Als ich die Tür des Projektraums abschließe, lehnt er am Geländer draußen und sieht in den Innenhof, wo jemand Lichterketten zwischen die Schornsteine gespannt hat.
„Komm mit zu mir“, sage ich. Kein „Wie wär’s“. Kein Vielleicht. „Ich will dir zeigen, dass das Wasser schwarz ist.“
Er richtet sich auf. „Jetzt?“
Lust, so etwas selbst zu erleben?
In jedem dieser Erlebnisse hat sie angefangen. Melde dich anonym an, wähl deine Stadt und schreib ihr zurück.
Jetzt geile Frauen treffen„Jetzt. Ist fünfzehn Minuten zu Fuß.“
Wir gehen die Spinnereistraße hinunter und dann am Kanal entlang, auf dem schmalen Uferpfad unter der Böschung, wo tagsüber die Leute joggen und nachts die Jugendlichen auf den Bänken sitzen und Musik aus ihren Boxen laufen lassen. Die alten Fabriken stehen dunkel da, mit ihren Backsteinbögen und hohen Fenstern, dazwischen die neuen Lofts mit Glasbalkonen. Levin erzählt von seiner Werkstatt, von Fichtenholz, das zwanzig Jahre lagern muss, bevor man eine Decke daraus schneiden darf, und von einem Cellisten aus dem Gewandhausorchester, der jede Woche vorbeikommt und behauptet, sein Instrument klinge bei Regen beleidigt. Ich erzähle von meinem Professor, von der Abschlussarbeit im nächsten Sommer und davon, dass ich seit zwei Jahren keinen Mann mehr mit nach Hause genommen habe, weil ich keine Lust auf das Danach hatte, auf das Frühstück, auf die Fragen. Er hört zu und sagt nichts dazu. Nur sein Schritt wird ein bisschen langsamer, als wollte er den Weg strecken.
Am Stelzenhaus bleibe ich stehen und zeige aufs Wasser.
„Schwarz“, sage ich.
Levin geht in die Hocke, stützt sich auf die Mauer und schaut lange hinunter. Dann zeigt er auf eine Stelle unter einer Laterne. „Grün.“
„Das ist ein Reflex.“
„Das ganze Bild ist ein Reflex.“ Er steht auf, klopft sich die Hände ab, und dann steht er sehr nah vor mir. „Du malst Sachen, wie sie sich anfühlen. Nicht, wie sie aussehen. Das meinte ich eigentlich.“
„Dann sag das doch gleich.“
„Hätte ich. Wenn du geantwortet hättest.“
Ich küsse ihn am Kanal, unter der Laterne mit dem falschen Licht. Er riecht nach Holz und Lack und ein bisschen nach der Suppe, und seine Hände, als sie mein Gesicht umfassen, sind rau an den Fingerkuppen, von Jahren mit Hobeln und Schleifpapier. Hinter uns fährt eine Straßenbahn über die Brücke, und das Kreischen der Räder ist so laut, dass ich lachen muss, mitten im Kuss.
Unsere WG liegt im dritten Stock eines Altbaus, das Küchenfenster geht direkt auf den Kanal. Im Treppenhaus funktioniert das Licht nur bis zum ersten Stock. Ich ziehe Levin an der Hand hinter mir her, er stolpert zweimal, flucht leise auf Sächsisch, und ich finde das unwiderstehlich, obwohl er behauptet, Vogtländisch sei etwas völlig anderes.
In meinem Zimmer stehen Leinwände an jeder Wand. Die Matratze liegt auf Paletten, darüber hängt eine Lichterkette, die ich seit Weihnachten nicht abgenommen habe. Levin bleibt in der Tür stehen und sieht sich um, so wie er vorhin vor dem Bild stand, als müsste er erst alles lesen, bevor er etwas anfasst.
Ich gehe zum Kleiderschrank. Im untersten Fach liegt das Hemd. Blau-weiß gestreift, zu groß, von einem Mann, dessen Namen ich nicht mehr so oft denke wie früher.
„Das ist es“, sagt Levin leise. „Das vom Bild.“
„Ja.“
„Willst du es anziehen?“
Ich sehe ihn an, dann das Hemd, dann lege ich es zurück ins Fach und schiebe die Schranktür zu.
„Nein“, sage ich. „Heute nicht.“
Die Lichterkette flackert. Die Balkontür steht einen Spalt offen, und vom Kanal hört man eine Ente und weit weg Musik. Mehr gibt es über diese Nacht nicht zu erzählen, jedenfalls nicht hier.
Am Morgen stehe ich auf dem Balkon, nur mit Levins grauem Wollpullover, der mir bis zu den Oberschenkeln reicht. Unter mir liegt der Kanal im ersten Licht. Er ist weder schwarz noch grün. Er ist silbern, mit einem Rand aus Laub. Ein Ruderer gleitet vorbei, drei Stockwerke unter mir, und hebt kurz die Hand, als wäre es das Normalste der Welt, um sieben Uhr morgens eine Frau in einem fremden Pullover auf ihrem Balkon zu grüßen. Ich hebe meine auch und lasse sie ein bisschen zu lange oben. Hinter mir in der Küche klappert Levin mit Jules Espressokocher und fragt, wo wir den Kaffee aufbewahren.
„Oberster Schrank links“, rufe ich, und dann: „Bleib da stehen. Beweg dich nicht.“
Ich hole meinen Skizzenblock. Er steht in meiner Küche in Unterhose und einer Socke, eine Kaffeedose in der Hand, und runzelt die Stirn.
„Du malst mich jetzt nicht.“
„Doch“, sage ich. „So, wie es sich anfühlt.“







