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Dreihundertzwölf Seiten und ein Gepäckträger

Anna, 28 · Münster

Um 10:47 Uhr legte ich drei gebundene Exemplare meiner Dissertation auf den Tresen im Promotionsbüro, und die Frau dahinter sagte „Danke schön“, als hätte ich ihr einen Brief zum Frankieren gebracht. Dreihundertzwölf Seiten über Laufkäfer in den Rieselfeldern. Fünf Jahre Bodenfallen, nasse Gummistiefel, Statistik bis zwei Uhr nachts. Ich stand danach auf dem Gehweg, die leere Stofftasche in der Hand, und wartete auf ein großes Gefühl. Es kam nicht. Es kam erst eine Stunde später, im Institut, als meine Kolleginnen mir einen Doktorhut aus Pappe aufsetzten, auf dem ein Käfer aus Pfeifenreinigern klebte, und da kam es so heftig, dass ich im Treppenhaus heulen musste.

Am Nachmittag feierten wir am Hafen. Der Kreativkai war voll, die Sonne stand über dem alten Speicher, auf den Holzstufen am Wasser saßen Leute mit Aperol und Laptops, und irgendjemand hatte ein Schlauchboot ins Hafenbecken gesetzt, was mit Sicherheit verboten war. Wir tranken Sekt aus Plastikbechern, meine Betreuerin hielt eine Rede, in der das Wort „Durchhaltevermögen“ viermal vorkam, und um halb acht verabschiedeten sich die meisten, weil Mittwoch war und Doktorandinnen am Donnerstag wieder Proben sortieren müssen.

Ich nicht mehr. Ich war achtundzwanzig und zum ersten Mal seit fünf Jahren ohne Abgabetermin. Und ich hatte für neun Uhr eine Verabredung.

Benedikt hatte ich zwei Wochen vorher auf der Seite kennengelernt, in einer Nacht, in der ich eigentlich das Literaturverzeichnis formatieren sollte. Vierunddreißig, Braumeister in einer kleinen Brauerei im Hafenviertel, ein Profilfoto vor einem Kupferkessel, auf dem er ernst guckte und trotzdem so aussah, als würde er gleich lachen. Wir hatten uns nachts geschrieben, über Hefe und Käfer und darüber, warum in Münster jeder ein Rad hat, außer denen, denen es gerade geklaut wurde. Er gehörte zu Letzteren.

Am Vorabend hatte ich ihm geschrieben, was ich wollte. Ich hatte den Text dreimal umformuliert und war dann zur ersten Fassung zurückgekehrt, weil sie die ehrlichste war.

„Morgen gebe ich meine Doktorarbeit ab. Ich will feiern, und ich will morgen Nacht nicht allein nach Hause fahren. Ich will dich mitnehmen. Wenn dir das zu direkt ist, sag es jetzt, dann trinken wir einfach ein Bier und sind trotzdem Freunde.“

Er hatte nach elf Minuten geantwortet. „Ich bringe was zum Anstoßen mit. Etwas, das ich selbst gebraut habe. Und ich bin nicht besonders gut darin, einfach nur Freunde zu sein.“

Er kam zu Fuß, natürlich, mit zwei braunen Bügelflaschen in einer Jutetasche. Einen Kopf größer als auf den Fotos, dafür deutlich stiller, als seine Nachrichten vermuten ließen. Er blieb vor mir stehen, sah auf den Pappdoktorhut, den ich immer noch trug, und sagte: „Herzlichen Glückwunsch, Frau Doktor.“

„Noch nicht. Erst nach der Disputation.“

„Dann übe ich schon mal.“

Hinten, wo der Trubel nachließ, fanden wir zwei freie Plätze auf den Steinstufen direkt über dem Kanal. Das Bier war hell und ein bisschen herb und schmeckte nach Sommer und nach etwas, das ich nicht benennen konnte. „Holunderblüte“, sagte er. „Nur ein Hauch. Die meisten merken es nicht.“ Ich hatte es gemerkt. Er freute sich darüber mehr, als ein erwachsener Mann sich über so etwas freuen sollte, und ich fand das sofort unwiderstehlich.

Wir redeten über meine Arbeit, und zum ersten Mal seit Jahren erklärte ich sie jemandem, ohne mich zu entschuldigen. Warum Laufkäfer. Warum Rieselfelder. Warum es wichtig ist, wer im Boden lebt, wenn der Boden sich verändert. Er stellte Fragen, echte, und irgendwann merkte ich, dass ich schon eine Viertelstunde redete und er mich die ganze Zeit angesehen hatte, nicht die Käfer.

„Entschuldigung“, sagte ich. „Fünf Jahre Käfer.“

„Hör nicht auf“, sagte er. „Du leuchtest, wenn du davon erzählst.“

Die Sonne ging hinter den Silos unter, auf dem Wasser lagen Lichter, drüben lachte eine Geburtstagsgesellschaft. Ich stellte die Flasche auf die Stufe, nahm ihm seine aus der Hand und stellte sie daneben. Dann nahm ich den Pappdoktorhut ab, setzte ihn ihm auf und küsste ihn. Nicht vorsichtig. Ich hatte fünf Jahre lang vorsichtig gearbeitet. Dafür war dieser Abend nicht da.

Als ich mich zurücklehnte, rückte er sich den Hut zurecht, der schief auf seinem Kopf saß. „Ich glaube, das war mein Einsatz“, sagte er. „Du hast gesagt, du nimmst mich mit.“

„Ich habe ein Rad“, sagte ich. „Du hast keins. Du wirst auf dem Gepäckträger sitzen müssen.“

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„Das ist verboten.“

„Das Schlauchboot da auch.“

Mein Rad ist ein altes Hollandrad mit einem Gepäckträger, auf dem ich sonst Bodenproben transportiere. Benedikt setzte sich seitlich darauf, die langen Beine angewinkelt, die Jutetasche auf dem Schoß, und hielt sich an meiner Taille fest. Ich trat an, schlingerte, wir schrien beide, dann fing ich mich und fuhr los.

Den Hafenweg entlang, über den Albersloher Weg, an der Bahnlinie vorbei, auf die Promenade. Unter den Linden war es dunkel und warm, Radfahrer mit Lichtern kamen uns entgegen und klingelten, und jedes Mal, wenn einer an uns vorbeifuhr, rief Benedikt: „Sie hat ihre Doktorarbeit abgegeben!“ Zwei Leute riefen „Glückwunsch!“ zurück. Einer rief: „Absteigen, ihr Idioten!“, und ich lachte so sehr, dass ich fast in einen Kinderwagen gefahren wäre.

An der Ampel am Ludgeriplatz musste ich halten, und er legte, ohne etwas zu sagen, das Kinn auf meine Schulter. Ich spürte seinen Atem am Hals und die Wärme seiner Hände durch das dünne Kleid, und die Ampel war viel zu schnell wieder grün. Hinter dem Schloss, wo die Promenade leerer wird, trat ich schneller. Nicht weil wir spät dran waren, sondern weil ich keine Lust mehr hatte, auf irgendetwas zu warten. Fünf Jahre lang hatte ich gewartet: auf Daten, auf Gutachten, auf Rückmeldungen. Heute Nacht wartete ich auf gar nichts mehr.

Im Kreuzviertel wurde es still. Die Kreuzkirche stand dunkel über den Dächern, in den Altbaufenstern brannte hier und da noch Licht, jemand übte Klavier. Ich wohne in der Studtstraße, zweiter Stock, Balkon zum Hof. Vor der Haustür stieg er ab, streckte sich und sagte, er spüre seine Beine nicht mehr.

„Dann musst du wohl getragen werden“, sagte ich.

„Oder du gehst vor und ich krieche hinterher.“

Ich ging vor. Er kroch nicht, aber er nahm zwei Stufen auf einmal. In meiner Wohnung stapelten sich noch Aktenordner und ausgedruckte Entwürfe, die ich seit Monaten wegwerfen wollte. Ich schob einen Stapel mit dem Fuß zur Seite, nahm ihm die Jutetasche ab und stellte sie auf den Boden. Wir machten die zweite Flasche nicht mehr auf. Die blieb bis zum nächsten Morgen im Flur stehen, zusammen mit meinen Schuhen, seinen Schuhen und dem Pappdoktorhut, der irgendwann von seinem Kopf gefallen war.

Ich wachte auf, weil er lachte. Er saß im Bett, im Licht, das durch die Balkontür fiel, und las in meiner Dissertation. Im vierten Exemplar, das ich für mich behalten hatte.

„Danksagung“, sagte er. „Du dankst deinen Eltern, deiner Betreuerin, einem Mann namens Horst von der Biologischen Station und, Zitat, ‚allen Carabiden, die für diese Arbeit ihr Leben gelassen haben‘.“

„Das waren viele.“

„Mich erwähnst du nicht.“

„Du kommst in der nächsten Auflage“, sagte ich und nahm ihm das Buch weg.

Wir tranken Kaffee auf dem Balkon, und er erzählte, dass er um zwölf in der Brauerei sein müsse, weil ein Sud auf ihn wartete. Ich sagte, ich hätte heute absolut nichts vor, zum ersten Mal seit fünf Jahren, und dass sich das seltsam anfühle und großartig. Später fuhr ich ihn zurück zum Hafen, wieder auf dem Gepäckträger, diesmal langsamer. Vor der Brauerei stieg er ab, küsste mich und sagte: „Wenn du wieder was zu feiern hast, schreib mir.“

„Und wenn nicht?“

„Dann schreib trotzdem. Ich braue gerade etwas mit Waldmeister. Das braucht eine Biologin zum Probieren.“

Ich fuhr allein nach Hause, freihändig über die Promenade, was ich seit der Schulzeit nicht gemacht hatte. Es war Donnerstag, halb zwölf, und ich hatte absolut nichts vor.

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