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Was der Besen verspricht

Melanie, 45 · Stuttgart

Die Kinder fuhren am Freitag um halb fünf. Jonas trug seinen Rucksack an einem Träger, so wie er ihn seit der fünften Klasse trägt, und Mira drehte sich an der Wohnungstür noch einmal um. „Mama, du hast wieder dieses Gesicht.“ Ich fragte, welches Gesicht. „Das, wenn du was vorhast.“ Unten auf der Straße hupte ihr Vater, die Tür fiel ins Schloss, und in meiner Wohnung am Ostendplatz wurde es so ruhig, dass das Summen des Kühlschranks plötzlich laut wirkte.

Sie hatte recht. Ich hatte etwas vor.

Seit drei Jahren bin ich geschieden, seit zwei Jahren teilen wir die Wochenenden, und jedes zweite habe ich ganz für mich. Anfangs habe ich diese Wochenenden mit Fensterputzen gefüllt, mit Steuerunterlagen und mit Serien, bei denen ich nach zwanzig Minuten auf dem Sofa eingeschlafen bin. Im Frühjahr habe ich mir dann ein Profil angelegt. Kein Foto im Abendkleid, keine Sätze über Sonnenuntergänge. Ich schrieb: „Fünfundvierzig, zwei Kinder, die jedes zweite Wochenende beim Vater sind. Ich suche niemanden, der bleibt. Ich suche jemanden, mit dem sich diese zwei Tage lohnen.“ Die meisten Antworten waren genau so, wie man sich das vorstellt. Eine war anders.

Er hieß Wendelin, was ich zuerst für einen Scherz hielt. Achtundvierzig, Vermessungsingenieur beim Land, wohnt in Esslingen, hat eine erwachsene Tochter und einen Hund, der inzwischen zu alt ist für lange Strecken. Er schrieb wenig und genau. Auf meine Frage, was er an einem freien Samstag am liebsten mache, antwortete er: „Laufen, bis ich Durst habe. Dann trinken, bis ich nicht mehr laufen will.“ Ich schrieb zurück, dass ich den passenden Weg dafür kenne.

Wir trafen uns am Samstag um elf in Uhlbach, vor der alten Kelter mit dem Weinbaumuseum. Ich war mit der U4 bis Untertürkheim gefahren und von dort mit dem Bus den Hang hinauf, und ich war zu früh, weil ich immer zu früh bin. Er kam zu Fuß, in einer ausgebleichten Softshelljacke, mit einer Kappe, die er abnahm, als er mich sah. Größer als auf den Fotos. Graue Schläfen, eine kleine Narbe über der Augenbraue, Hände, die aussahen, als würden sie gern Dinge festhalten.

„Du bist Melanie“, sagte er. Keine Frage.

„Und du bist tatsächlich Wendelin.“

„Meine Mutter mochte Heiligenkalender. Ich hab mich dran gewöhnt.“

Der Weg führt zwischen den Rebzeilen hinauf Richtung Rotenberg, und Ende September hängen die Trauben so schwer, dass man sie riechen kann, bevor man sie sieht, süß und ein bisschen faulig, dazu Wespen, die betrunken durch die Luft taumeln. Unten im Tal lag das Neckarknie mit den Werkshallen von Untertürkheim, dahinter die Stadt in ihrem Kessel, der Fernsehturm wie eine Stecknadel im Dunst. Wendelin blieb immer wieder stehen und zeigte auf Dinge, die ich hundertmal gesehen und nie bemerkt hatte: einen Grenzstein mit eingemeißelter Jahreszahl, die Art, wie die Mauern der Weinbergterrassen dem Gelände folgen, einen trigonometrischen Punkt auf einem Pfosten. „Berufskrankheit“, sagte er. „Ich sehe überall Koordinaten.“

„Und wo bin ich gerade?“

Sein Blick blieb an mir hängen, länger als nötig. „Ziemlich genau da, wo ich dich haben wollte.“

Ich lachte, weil der Satz so unverschämt war, und weil er ihn nicht zurücknahm.

Oben auf dem Württemberg steht die Grabkapelle, die König Wilhelm für seine Katharina bauen ließ, ein heller runder Tempel mit Kuppel, von dem aus man das ganze Tal überblickt. Über dem Eingang steht: „Die Liebe höret nimmer auf.“ Ich hatte den Satz schon als Schulkind gelesen, auf einem Klassenausflug, und damals fand ich ihn schön. Jetzt blieb ich davor stehen und merkte, dass er mich ein bisschen wütend machte.

„Glaubst du das?“, fragte Wendelin.

„Ich glaube, dass sie mit dreißig gestorben ist und er ein Jahr später wieder geheiratet hat.“

Er lachte, zum ersten Mal richtig, mit zurückgelegtem Kopf. „Dann sind wir uns einig.“

„Worüber?“

„Dass man die Dinge genießen sollte, solange sie da sind. Und nicht mehr draus machen muss.“

Wir setzten uns auf die Mauer unterhalb der Kapelle. Ich hatte zwei Brezeln und eine Flasche Wasser dabei, er einen Apfel, den er mit einem Taschenmesser in exakt gleich große Stücke schnitt. Unsere Knie berührten sich. Keiner rückte weg.

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Auf dem Rückweg nach Uhlbach hing an einem Hoftor ein Reisigbesen, das Zeichen dafür, dass hier für ein paar Wochen ausgeschenkt wird. Eine Besenwirtschaft ist nichts Feines: Bierbänke in einer ausgeräumten Garage, Wachstischdecken, eine Frau mit Schürze, die den Trollinger in Viertelesgläsern mit Henkel bringt und den Zwiebelkuchen auf Papptellern. Man sitzt, wo Platz ist. Wir saßen neben einem Ehepaar aus Fellbach, das seit vierzig Jahren verheiratet war und uns das innerhalb von fünf Minuten mitteilte.

„Und ihr?“, fragte die Frau und nickte zwischen uns hin und her. „Wie lange schon?“

Wendelin sah mich an. Ich sah auf meine Uhr. „Seit elf Uhr“, sagte ich.

Die Frau verschluckte sich an ihrem neuen Wein, ihr Mann klopfte ihr auf den Rücken und grinste in sein Glas, und von da an waren wir die Attraktion des Tisches. Ich hatte seit Jahren nicht mehr so gelacht. Ich trank den Lemberger, dann noch einen, und irgendwann lag Wendelins Hand auf meinem Oberschenkel, unter dem Tisch, ruhig und warm, als hätte sie dort schon immer gelegen. Ich legte meine darüber.

Draußen wurde es dunkel. Die Weinberge verschwanden, nur noch die Lichter der Stadt und die rot blinkende Spitze des Fernsehturms. An der Bushaltestelle standen wir allein. Er fragte, ob er mich zur Bahn bringen solle, oder ob ich lieber noch ein Stück zu Fuß gehen wolle, oder ob …

„Wendelin“, sagte ich. „Ich hab bis Sonntagabend niemanden zu Hause.“

Er schwieg einen Moment. „Du weißt, dass ich keinen Schlafanzug dabeihabe.“

„Ich weiß, dass du keinen brauchst.“

In der U4 saßen wir nebeneinander, und kurz vor dem Ostendplatz küsste er mich zum ersten Mal, ohne Eile, mit dem Geschmack von Rotwein und Zwiebeln, und ich dachte, dass ich mir das vor drei Jahren nicht einmal hätte vorstellen können: eine Frau mit Wanderschuhen und Lesebrille in der Handtasche, die einen fremden Mann in der Stadtbahn küsst, während ein Jugendlicher gegenüber demonstrativ auf sein Handy starrt.

Oben in der Wohnung machte ich nur die kleine Lampe im Flur an. Der Kühlschrank summte. Ich zog ihm die Softshelljacke von den Schultern, und er ließ es geschehen, und dann zog er mich an sich, und für den Rest der Nacht habe ich den Kühlschrank nicht mehr gehört.

Wir haben am Sonntag bis zehn geschlafen. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt bis zehn geschlafen habe. Er stand in meiner Küche in Boxershorts und meiner geblümten Schürze und kochte Kaffee in der Espressokanne, als hätte er das schon oft getan, und ich saß auf der Arbeitsplatte und sah ihm zu. Wir frühstückten auf dem winzigen Balkon, von dem aus man die Dächer von Gablenberg sieht, und redeten über alles, nur nicht über das Wochenende in zwei Wochen.

Am Nachmittag gingen wir durch den Park der Villa Berg, ein Stück die Hänge hinauf, dann wieder zurück. Einmal fragte er, fast beiläufig, wie die Kinder heißen. Ich sagte es ihm. Er nickte, fragte nichts weiter, und ich war ihm dankbar dafür.

Um vier stand er mit seiner Jacke an der Tür. Ich hatte mir vorgestellt, dass dieser Moment schwer würde, dass einer von uns etwas sagen würde, das man nicht mehr zurücknehmen kann. Aber es war leicht. Er küsste mich auf die Stirn, dann auf den Mund, dann sagte er: „Danke für die Koordinaten.“

„Wenn du wieder Durst hast“, sagte ich, „du weißt, wo der Besen hängt.“

Er lachte auf der Treppe, ich hörte es noch bis ins Erdgeschoss.

Um halb sieben klingelte es. Mira kam als Erste herein, warf ihre Tasche in den Flur und blieb stehen. Sie schnupperte. „Hast du Kaffee gemacht? Mit der Kanne? Die benutzt du doch nie.“

„Heute schon“, sagte ich.

Jonas schob sich an ihr vorbei Richtung Kühlschrank. Mira sah mich an, mit diesen Augen, die sie von mir hat, und ich hielt ihrem Blick stand. Dann zuckte sie mit den Schultern und ging in ihr Zimmer. „Du hast immer noch dieses Gesicht“, rief sie durch den Flur.

Ich habe es nicht abgelegt. Warum sollte ich.

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