GeileFrauenTreffen

Wer zuerst schreibt

Sabine, 48 · Nürnberg

Um halb sieben stand ich mit zwei Kameras um den Hals auf den Stufen vor der Frauenkirche und fotografierte Menschen, die einer Band aus Galicien zuhörten. Bardentreffen, erster Abend. Seit neunzehn Jahren mache ich das: drei Tage Altstadt, zwei Speicherkarten pro Abend, ein Auftrag der Stadt und ein paar Bilder nur für mich. Ich kenne die Bühnen, ich kenne die Ecken, an denen das Licht gegen neun golden über die Dächer kippt, und ich kenne das Gefühl, nach Mitternacht allein nach Hause zu gehen, mit schmerzenden Schultern und Ohren, die noch summen.

In diesem Jahr wollte ich nicht allein nach Hause gehen. Das war kein Vorsatz, den ich mir irgendwo aufgeschrieben hätte, es war schlichter: Ich war achtundvierzig, seit drei Jahren ohne Beziehung, und ich hatte Lust. Auf Nähe, auf einen fremden Mund, auf eine Nacht, in der ich nicht die bin, die für alle anderen die Erinnerungen festhält. Meine Freundin Uschi hatte mir die Seite im Frühjahr gezeigt, bei einem Glas Silvaner in ihrer Küche in Gostenhof. „Du musst da niemandem was beweisen“, hatte sie gesagt. „Du schreibst rein, was du willst, und schaust, wer antwortet.“

Ich hatte hineingeschrieben, was ich wollte. Ehrlich, knapp, ohne Herzchen. Und am Donnerstag vor dem Festival, beim Durchscrollen in der Mittagspause, fand ich ihn: Korbinian, 50, Orgelbauer aus Mittenwald. „Am Wochenende in Nürnberg, Bardentreffen, wie jedes Jahr. Wer mag, trinkt ein Bier mit mir am Weinstadel.“ Auf seinem Foto trug er eine Schürze voller Holzspäne und lachte über etwas, das außerhalb des Bildes lag.

Ich wartete nicht darauf, dass er mich fand. Ich schrieb ihm. „Ich bin auch da. Die mit den zwei Kameras, die dauernd im Weg steht. Freitag nach der letzten Nummer auf dem Hauptmarkt?“ Zwanzig Minuten später kam seine Antwort: „Ich stelle mich neben den Schönen Brunnen und tue so, als würde ich nicht nach Ihnen suchen.“ Ich schrieb zurück, dass er mich duzen dürfe. Und dass er ruhig suchen solle.

Die letzte Band auf dem Hauptmarkt war ein Trio aus Mali, und als es aufhörte, standen noch Tausende zwischen den Buden und der Kirche und wollten nicht gehen. Ich schob mich am Rand entlang, an Bratwurstständen und Kindern auf Schultern vorbei, das Objektiv mit der Hand geschützt. Am Gitter des Schönen Brunnens drängten sich Leute, die am Messingring drehten, als würde das irgendetwas garantieren.

Er lehnte ein Stück abseits, die Hände in den Taschen einer Leinenjacke. Größer als auf dem Foto, grauer, mit einer Brille, die er sich in die Haare geschoben hatte. Er sah mich, bevor ich ihn sah, und das ärgerte mich kurz, weil sonst immer ich diejenige bin, die zuerst hinschaut.

„Zwei Kameras“, sagte er. „Du hast nicht übertrieben.“

„Ich übertreibe nie. Ich stelle nur scharf.“

Er lachte, und es war dasselbe Lachen wie auf dem Foto, nur lauter. Wir gaben uns die Hand, was albern war, und dann ließ er sie nicht gleich wieder los, was nicht albern war.

Wir gingen über den Weinmarkt hinunter zum Fluss. Überall Musik, aus jeder Gasse eine andere: ein Akkordeon, zwei Mädchen mit Ukulelen, ein Mann, der auf einem umgedrehten Eimer trommelte. Am Weinstadel saßen die Leute auf der Ufermauer und ließen die Beine über der Pegnitz baumeln, und das Fachwerk leuchtete im letzten Licht so unverschämt schön, dass ich die Kamera hob, ohne nachzudenken.

„Machst du das immer?“, fragte er. „Mitten im Gespräch?“

„Wir führen noch kein Gespräch.“

„Dann fange ich eins an. Warum hast du mir geschrieben und nicht irgendeinem anderen?“

Ich senkte die Kamera. „Wegen der Späne auf deiner Schürze. Und weil du geschrieben hast, dass du jedes Jahr kommst. Ich mag Männer, die wissen, wohin sie wollen.“

„Und was willst du?“

Ich sah ihn an, lange genug, damit er merkte, dass ich die Frage ernst nahm. „Heute Abend Musik. Danach dich. Und morgen früh nichts, was wir uns vorher versprochen haben.“

Er nickte langsam, als hätte ich ihm die Maße für ein Instrument diktiert. „Das kann ich“, sagte er. „Am Sonntag bin ich sowieso wieder in den Bergen.“

Wir holten zwei Bier an einem Stand beim Henkersteg und setzten uns auf die Stufen. Von der Maxbrücke wehte ein Dudelsack herüber, am Unschlittplatz sang eine Frau auf Portugiesisch, und irgendwo dazwischen erzählte Korbinian von Orgelpfeifen aus Zinn, die er mit dem eigenen Atem prüft, und von einem Kantor aus Passau, der ihm einmal eine ganze Pfeifenreihe zurückgeschickt hatte, weil sie „zu ehrlich“ klinge. Ich erzählte von Hochzeiten, die ich fotografiert hatte und die längst geschieden waren, und von dem Bild eines alten Mannes, der vor sieben Jahren am Sebalder Platz mit geschlossenen Augen allein zu Tangomusik getanzt hatte. Es hängt über meinem Schreibtisch.

Irgendwann, als das Bier warm geworden war, schob er seine Hand über den Stein, bis sie direkt neben meiner lag. Nicht darauf, daneben. Ein Zentimeter Luft. Ich fand das rührend und zugleich zum Verrücktwerden. Also nahm ich seine Hand, legte sie auf mein Knie und küsste ihn, weil ich seit einer Stunde darüber nachgedacht hatte und weil ich achtundvierzig bin und keine Geduld mehr für Zentimeter habe.

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Er schmeckte nach Hopfen und ein bisschen nach dem Rauch der Grills. Hinter uns klatschte jemand, und ich weiß bis heute nicht, ob der Applaus der Band galt oder uns.

Um Mitternacht verstummen beim Bardentreffen die Bühnen, aber nicht die Stadt. Wir liefen an der Pegnitz entlang zurück, über die Fleischbrücke, auf der ein Junge Geige spielte, so schief, dass Korbinian stehen blieb und ihm zwei Euro in den Kasten legte. „Er übt“, sagte er. „Das muss man belohnen.“ Über den leeren Hauptmarkt, wo Männer in Warnwesten schon die Bierbänke stapelten, dann die Burgstraße hinauf, die nachts steiler ist als am Tag.

Ich wohne in einer Gasse unterhalb der Kaiserburg, dritter Stock, kein Aufzug. Im zweiten Treppenhausabsatz blieb er stehen und meinte, er müsse sich kurz sammeln. Ich sagte, er solle sich oben sammeln. Im Flur stellte ich die Kameras ab, zum ersten Mal seit zwölf Stunden, und meine Schultern wurden so leicht, dass ich lachen musste.

„Was ist?“

„Nichts. Ich habe nur beide Hände frei.“

Dann zeigte ich ihm, was ich mit beiden Händen vorhatte. Das Fenster stand offen, von unten kam noch ein letztes Akkordeon, müde und ein wenig falsch, und schließlich stand ich auf und schloss es. Diese Nacht habe ich nicht fotografiert. Von neunzehn Bardentreffen ist es die einzige, von der es kein einziges Bild gibt, und die, an die ich mich am genauesten erinnere.

Um sieben weckten mich die Glocken von St. Sebald und ein Klappern in der Küche. Korbinian stand barfuß vor meiner Espressokanne und betrachtete sie wie ein Instrument mit einem Riss. „Die dichtet nicht richtig“, sagte er. „Da gehört ein neuer Ring rein.“

„Die dichtet seit acht Jahren nicht richtig.“

„Dann ist sie wenigstens treu.“

Wir tranken den Kaffee am offenen Fenster, er in meinem Kimono, der ihm kaum über die Knie reichte, ich in seinem Hemd, und unten fegte jemand die Scherben der Nacht zusammen. Er fragte nicht, ob wir uns wiedersehen würden. Ich hatte mir für den Fall eine freundliche, klare Antwort zurechtgelegt und brauchte sie nicht. Er trank aus, zog sich an, küsste mich auf die Stirn und dann noch einmal richtig.

„Heute Abend spielen die Galicier an der Katharinenruine“, sagte er in der Tür.

„Ich weiß. Ich habe den Auftrag.“

„Dann sehe ich dich vielleicht. Mit deinen zwei Kameras.“

„Vielleicht“, sagte ich, und wir mussten beide lachen, weil so offensichtlich war, dass keiner von uns ein Versprechen daraus machen würde.

Am Abend sah ich ihn tatsächlich, von Weitem, in der Menge vor den alten Mauern der Ruine, neben einer Frau mit rotem Tuch, die ihm etwas ins Ohr sagte. Ich hob die Kamera, fand ihn im Sucher und drückte nicht ab. Er drehte sich um, als hätte er es gespürt, und hob sein Bier ein paar Zentimeter. Ich hob die Hand. Das war alles, und es war genau richtig.

Am Montag rief Uschi an und wollte alles wissen. Ich erzählte ihr von der Espressokanne.

„Und?“, fragte sie. „Siehst du ihn wieder?“

„Nächstes Jahr vielleicht“, sagte ich. „Er kommt ja jedes Jahr.“

Sie schwieg eine Sekunde, dann prustete sie los, und ich lachte mit, bis mir die Tränen kamen. Am selben Abend habe ich mein Profil geändert. Unter „Was ich suche“ steht jetzt nur noch ein Satz: „Wer zuerst schreibt, hat mehr vom Abend.“

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